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Anmerkungen zur Fällung von 105 Apfeldorn-Bäumen in der Langen Laube
Nach Befall durch Agrilus sinuatus (Birnbaumprachtkäfer) wurden im vergangenen Winter 105 Apfeldorn-Bäume gefällt
Ein Beitrag von Dr. Peter Sprick, Bundesfachausschuss (BFA) Entomologie

Hannover, 09. April 2007 Zu Beginn des Jahres wurden in der Langen Laube die dort wachsenden Apfeldorn-Bäume gefällt und beseitigt. Offensichtlich hat man es im Vorfeld dieser Aktion nicht für erforderlich gehalten, sich mit der Biologie dieses Käfers einmal eingehender zu beschäftigen, obwohl es sich um eine besonders geschützte Art handelt! Deshalb sollen hier einige grundlegende Informationen zur Lebensweise des Birnbaumprachtkäfers mitgeteilt werden, und zugleich werden die daraus abzuleitenden Handlungsempfehlungen genannt.

Status:

  • Besonders geschützte Art gemäß Bundesartenschutzverordnung (BArtSchV)
  • Neufund (Erstnachweis) in der Region mittleres und südliches Niedersachsen.
  • Im Sommer 2006 kam es im Zentrum Hannovers zu einem starken Auftreten des hier bisher unbekannten Birnbaumprachtkäfers, der die Bäume in der Langen Laube so stark schädigte, dass 105 Apfeldorn-Bäume (Crataegus lavallei ‚Carrierei') im letzten Winter schließlich restlos beseitigt wurden.

    Lebensraum von Agrilus sinuatus: Die Art besiedelt ursprünglich lichte Auwälder, Buschwälder, Xerothermhänge und Streuobst- wiesen, wird heute vielerorts aber auch in Siedlungen, auf Friedhöfen, an Straßenbäumen und in Parks gefunden.

    Biologie des Birnbaumprachtkäfers: Der etwa 7-9 mm große, glänzende, kupfrig-rot gefärbte Käfer entwickelt sich in mehreren Baum-Rosaceen. Wichtigste Wirtsbäume sind Birne (Pyrus), Weißdorn-Arten und Rotdorn (Crataegus) sowie Sorbus-Arten (Eberesche, Speierling, Mehlbeere etc.); nachgewiesen ist auch eine Entwicklung in Cotoneaster (Zwergmispel), Cydonia (Quitte), Malus (Apfel), Mespilus (Mispel), nicht jedoch in Kirsche (Prunus). Amelanchier (Felsenbirne) ist zumindest als Futterpflanze der ausgewachsenen Käfer bekannt. Die Herkunft der Arten spielt keine Rolle, so werden z.B. auch die baumförmig wachsenden amerikanischen Crataegus-Arten wie z.B. C. lavallei besiedelt. Im Englischen heißt die Art im übrigen "Hawthorn Jewel Beetle", also Weißdornprachtkäfer.

    Die Art hat ein großes Wärmebedürfnis. Vor allem Äste, die der vollen Besonnung ausgesetzt sind, kommen für die Entwicklung der Larven in Betracht. Daher sind vor allem durch Baumschnitt gut ausgelichtete Bäume oder Bäume mit weniger dichtem Astwuchs besonders geeignet. Schattige und halbschattige Standorte werden gemieden oder können nur in geringer Dichte besiedelt werden.

    Die Eier werden im Frühjahr einzeln in Rindenrisse und Vertiefungen an die Sonnenseite dickerer Äste und jüngerer Stämme (bis hinunter zu Fingerdicke) gelegt. Belegt werden nur lebende Pflanzenteile, bereits abgestorbene werden nicht besiedelt. Die Larve bohrt sich ins Holz, wo sie sich zwischen Bast und Splint entwickelt. Sie überdauert den Winter als Ruhelarve, ehe sie sich im Frühjahr verpuppt und den fertigen Käfer (Metamorphose) ergibt, der kurz darauf schlüpft. In klimatisch ungünstigeren Gebieten kann die Entwicklung auch dreijährig sein. Besiedelte Äste sind daran zu erkennen, dass die Rinde in charakteristischer Weise aufgesprungen ist. Die Gänge im darunter liegenden Holz sind zickzackförmig.

    Dass die Art zuweilen höhere Dichten erreichen kann und charakteristische Fraßbilder an Birnbäumen hinterlässt, ist bereits bekannt. Es gibt drei heraus- ragende Schadperioden: 1888-1897, 1914-1924 und 1946-1949. Die Junitemperaturen lagen hier jeweils in mehreren Jahren hintereinander über dem langjährigen Mittel. Es handelt sich somit um einen "periodisch auftretenden Gelegenheitschädling", damals vor allem von Baden-Württemberg bis Süd-Hessen. Ein jüngeres stärkeres Auftreten gab es dann erneut Anfang der 1990er Jahre. BRECHTEL & KOSTENBADER (2002) betonen, dass die Art bevorzugt stark geschädigte oder geschwächte Wirtspflanzen besiedelt; einen Befall völlig gesunder Pflanzen konnten sie nicht bestätigen, d.h. es handelt sich um einen typischen Schwächeopportunist.

    Bei starkem Auftreten werden die Leitungsbahnen unterbrochen, und es kommt zu einem Vertrocknen der Äste. Folgen sind Vertrocknen und vorzeitiger Blatt- und Fruchtfall. Je nach Besiedlungsstärke können die Bäume innerhalb von 2-3 Jahren absterben; ältere Bäume, deren Stämme nicht mehr angegriffen werden, verlieren stark befallene Äste, zeigen Wipfeldürre in unterschiedlichem Ausmaß, bleiben in der Regel jedoch am Leben. Eine schwächere Besiedlung (der Normalfall!) wird ohne größeren Schaden überstanden.

    Agrilus sinuatus ist zwar aus allen Teilen Deutschlands gemeldet; aus Bremen sowie aus dem mittleren und südlichen Niedersachsen lagen jedoch bisher keine Nachweise vor (KÖHLER & KLAUSNITZER 1998). Die Art wurde hier bisher entweder übersehen oder was wahrscheinlicher ist, sie wurde erst in jüngerer Zeit mit Rosaceen eingeschleppt oder ist eingewandert. Der Zeitpunkt des Erstauftretens ist nachträglich nicht genau zu ermitteln, könnte jedoch in das Wärmejahr 2003 fallen, in dem zahlreiche wärmeliebende Arten Ausbreitungsschübe zeigten. Nach einer Etablierungsphase kam es danach an besonders geeigneten Standorten zu einer stärkeren Zunahme der Population. Offenbar war die Entwicklung in Hannover jedoch nur in der Langen Laube so stark, dass es zu einem Massenauftreten mit nachfolgendem Absterben der Bäume kam, so dass die Art nun nicht mehr zu übersehen war. Anzunehmen ist, dass sie sich inzwischen an vielen Stellen Hannovers eingebürgert hat, ohne hier jedoch besonders aufzufallen, denn zu einer Massenentwicklung kommt es nur, wenn mehrere Voraussetzungen gegeben sind:

    • Die Sommer-, insbesondere die Junitemperaturen, müssen mehrmals über dem langjährigen Mittel liegen (Faktor: Makroklima)
    • Die Wirtsbäume müssen unbeschattet an einem sehr heißen, trockenwarmen Standort wachsen, und sie sollten über zahlreiche voll besonnte Äste verfügen (Faktor: Kleinklima/Standortfaktor)
    • Eine ausreichende Bewässerung der Bäume während der Hitzephase war nicht gegeben. Erst dadurch wurde es dem Schwächeopportunisten ermöglicht, so stark zuzunehmen und die unübersehbaren Absterbeerscheinungen an den Apfeldorn-Bäumen hervorzurufen (Faktor: mangelnde Baumpflege).

    Folgerungen - Empfehlungen - Forderungen: Die Art ist in vielen Regionen Deutschlands selten oder gefährdet - oder sie fällt nicht weiter auf, sodass sie für selten gehalten wird. Erst bei genauerem Hinsehen zeigte es sich, dass sie beispielsweise in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ziemlich verbreitet vorkommt. Nicht gerade ein Hinweis auf einen Kardinalschädling!

    Es ist davon auszugehen, dass sich die Art an geeigneten Orten in Hannover längst etabliert hat, dass es - wie auch anderenorts - aber nur unter ganz bestimmten Bedingungen (vgl. Biologie) zu einem Massenbefall kommt.

    Als wirkungsvollste Präventivmaßnahme bezeichnen es BRECHTEL & KOSTENBADER (2002), dafür zu sorgen, dass die Wuchsbedingungen optimal sind. Kritisch sind demnach Dürreperioden (überdurchschnittlich trockenwarme Frühsommer) sowie die ersten Monate nach Verpflanzungen. Während dieser Zeit ist eine gute Bewässerung besonders wichtig.

    Eine Bekämpfung ist aufgrund des zurückliegenden Schadauftretens in Birnbaumkulturen ebenfalls bereits erprobt worden. Verschiedene mechanische Methoden erwiesen sich jedoch als wirkungslos, und eine chemische Bekämpfung kommt im besiedelten Bereich aus Gründen des Anwender- und Umweltschutzes nicht in Betracht.

    Da Klimafaktoren nicht und Standortfaktoren nur mittelbar beeinflusst werden können, muss eine ausreichende Baumpflege gewährleistet werden.

    Zum einen sollten alle Risikostandorte, an denen Baum-Rosaceen in Hannover an stark besonnten Standorten mit kleinen Baumscheiben wachsen, erfasst und die Bäume auf Fraßspuren überprüft werden, und zum anderen müssen die Bäume bei hohen Frühjahrs- oder Sommertemperaturen regelmäßig bewässert werden.

    An Risikostandorten wie in der Langen Laube sollten Baum-Rosaceen nur dann neu angepflanzt werden, wenn die Baumscheiben vergrößert werden können, da dies bereits eine Verbesserung des extremen Kleinklimas bewirkt. Ein vollständiger Verzicht von Baum-Rosaceen in Hannover wäre ebenso unangemessen wie eine Beseitigung an Nicht-Risikostandorten. Die Naturschutzverbände sollten bei entsprechend weitreichenden Entscheidungen wie geplanten Baumfällungen frühzeitig einbezogen werden, zumal Weißdorne in der Baumschutzsatzung der Stadt Hannover besonders erwähnt und bereits ab einem Umfang von 30 cm geschützt sind. Schutzzweck der Baumschutzsatzung sind im übrigen ausdrücklich auch "Bäume als Lebensraum für Tiere", d.h. ein Frischholzbesiedler wie Agrilus sinuatus ist zweifellos Teil des Schutzzwecks!

    Das Verbrennen des auf einem Sammelplatz gelagerten Holzes zur Vermeidung weiteren Befalls stellt eine Überreaktion dar, die nur durch mangelnde Erfahrung im Umgang mit der neu in der Region Hannover aufgetretenen Art zu erklären ist.

    Immer dann, wenn trotz der getroffenen Maßnahmen eine Beseitigung der vom Birnbaumprachtkäfer befallenen Bäume unvermeidlich erscheint, ist das Holz auf speziell auszuweisenden Totholzlagerplätzen zu sammeln, damit sich die Tiere fertig entwickeln können, und weil sie gewissermaßen ein "Türöffner" für eine Reihe weiterer Totholzbesiedler sind! Die Lagerung sollte möglichst aufrecht erfolgen! Ein Verbrennen oder Verwerten des Holzes ist aus Artenschutzgründen und weil diese Tiere keine Gefahr mehr darstellen, zu unterlassen!

    Die Vorkommen weiterer besonders geschützter Prachtkäfer in Hannover sollten kartiert werden. Bekannt sind z.B. Vorkommen des Hainbuchen-Prachtkäfers (Agrilus olivicolor) in den Hainbuchenhecken der Fakultät IV in Herrenhausen sowie bei der JVA oder des Weiden-Kleinprachtkäfers Trachys minutus in Weidengebüschen der Moore und Moorrandbereiche. In den Eichenwäldern und -reihen ist potenziell mit Vorkommen von Agrilus angustulus, Agrilus laticornis und Agrilus sulcicollis zu rechnen.

    Quellen:
    BRECHTEL, F. & H. KOSTENBADER (2002): Die Pracht- und Hirschkäfer Baden-Württembergs. - Ulmer, Stuttgart (Hohenheim), 632 S.
    KÖHLER, F. & B. KLAUSNITZER (1998): Verzeichnis der Käfer Deutschlands. Entomofauna Germanica. - Ent. Nachr. Ber., Beih. 4. Dresden, 1-185.
    NIEHUIS, M. (2004): Die Prachtkäfer in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Zugleich Beiheft 31 der Schriftenreihe "Fauna und Flora in Rheinland-Pfalz". - Landau: Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz e. V. (GNOR), 713 S.

    Weiterführende Links:
    Pressemitteilung der Landeshauptstadt Hannover
    Baumschutzsatzung der Stadt Hannover
    Stadtluft macht Stress - Stadtbäume leiden unter Hitze, Abgasen und Platzmangel.

    Ansprechpartner:
    Dr. Peter Sprick
    NABU
    BFA Entomologie
    E-Mail: psprickcol(at)t-online.de

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